Vielleicht kennst Du das? Eine Einladung kommt, ein Geburtstag, ein Treffen, eine Feier. Etwas in Dir freut sich kurz. Und im nächsten Moment kommt die andere Stimme. Was, wenn ich nichts zu sagen habe? Was, wenn ich sage, wenig sage, das Falsche sage? Was, wenn man mich anschaut und sich denkt, was die da soll? Bis zum Tag der Veranstaltung hast Du Dir hundert Versionen ausgemalt, was alles schiefgehen könnte. Wenn Du dann doch hingehst, bist schon erschöpft, bevor Du ankommst. Wenn Du absagst, empfindest Du Erleichterung, aber auch das Gefühl, dass die Absage doch nicht ganz richtig war.
Vielleicht sitzt Du auch in Besprechungen und hast einen Gedanken, den Du äußern möchtest. Du spürst ihn deutlich. Und gleichzeitig denkst Du: nicht jetzt, nicht ich, was, wenn das alle dumm finden, was, wenn ich rot werde, was, wenn meine Stimme zittert? Später, auf dem Weg nach Hause, ärgerst Du Dich. Hätte ich doch. Warum traue ich mich nicht? Andere können das doch auch.
Vielleicht wünschst Du Dir Freundschaften, Nähe, eine Partnerschaft, und gleichzeitig ist da eine Mauer, die Du selbst gebaut hast, ohne Dich genau erinnern zu können, wann. Du siehst andere lachen, sich umarmen, selbstverständlich miteinander sein. Und Du denkst: Für mich ist das nicht gemacht. Mit mir stimmt etwas nicht.
Das ist das, wie Menschen mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung empfinden. Diese gehört zum Cluster C der Persönlichkeitsstörungen. Menschen, die hierzu gehören, treten in der öffentlichen Wahrnehmung oft in den Hintergrund. Das bedeutet aber keineswegs, dass ihr Leiden weniger schlimm ist.
Das Wesen der Störung
Im Zentrum steht ein durchgängiges Muster von sozialer Gehemmtheit, einem tiefen Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit und einer ausgeprägten Überempfindlichkeit gegenüber negativer Bewertung durch andere. Menschen mit dieser Störung sehnen sich nach Nähe, Zugehörigkeit und sozialer Verbundenheit. Sie wagen es aber kaum, sich anderen zu nähern, aus Angst, abgelehnt, kritisiert oder beschämt zu werden.
Man könnte es so beschreiben: Diese Menschen stehen oft an der Schwelle zum sozialen Leben, sehen es durch das Fenster, wünschen sich sehnlich, dazuzugehören, können aber die Tür nicht aufstoßen, weil die Vorstellung, vielleicht hereingebeten und dann doch zurückgewiesen zu werden, unerträglich erscheint. Das Leiden besteht also nicht im Desinteresse an Beziehung (wie bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung), sondern in einem schmerzhaften Spannungsverhältnis zwischen Sehnsucht und Angst.
Typische Merkmale
Die diagnostischen Kriterien nach DSM-5 umfassen sieben Merkmale, von denen mindestens vier erfüllt sein müssen:
Vermeidung beruflicher Tätigkeiten, die zwischenmenschliche Kontakte erfordern, aus Angst vor Kritik, Missbilligung oder Ablehnung
Unwilligkeit, sich mit Menschen einzulassen, ohne sicher zu sein, dass man gemocht wird
Zurückhaltung in engen Beziehungen aus Angst, beschämt oder lächerlich gemacht zu werden
starke Beschäftigung mit der Möglichkeit, in sozialen Situationen kritisiert oder abgelehnt zu werden
Gehemmtheit in neuen zwischenmenschlichen Situationen aufgrund von Gefühlen der Unzulänglichkeit
Selbstwahrnehmung als gesellschaftlich unbeholfen, persönlich unattraktiv oder anderen unterlegen
außergewöhnliche Zurückhaltung, persönliche Risiken einzugehen oder sich auf neue Aktivitäten einzulassen, aus Angst, in Verlegenheit zu geraten
Diese Merkmale durchziehen das Leben als überdauerndes Muster, mit erheblichem Leidensdruck und Funktionsbeeinträchtigung in beruflichen, sozialen und privaten Bereichen.
Die innere Erlebenswelt
Das innere Erleben ist von außen oft kaum zu erkennen. Menschen mit dieser Störung wirken nach außen häufig freundlich, angepasst, unauffällig.
Die ständige Selbstbeobachtung: Soziale Situationen werden nicht erlebt, sondern überwacht. Jedes Wort, jede Geste, jeder Gesichtsausdruck wird innerlich kommentiert und meist kritisch bewertet. „Habe ich das jetzt richtig gesagt? Warum hat er weggeschaut? Habe ich zu viel geredet, zu wenig, das Falsche?" Diese innere Selbsthinterfragung ist ständig in Betrieb und kostet enorme Energie.
Die vorweggenommene Beschämung: Bevor eine Situation überhaupt eintritt, läuft sie innerlich schon in Katastrophenversionen ab. Eine Einladung, ein Telefongespräch, ein Vortrag: alles wird gedanklich vorab durchlebt, in den schlimmstmöglichen Wendungen.
Das Gefühl der Unzulänglichkeit: Das Lebensgefühl kann man beschreiben mit einem grundlegenden „ich bin nicht in Ordnung, ich bin minderwertig, ich gehöre nicht dazu". Andere werden dabei oft idealisiert wahrgenommen („alle anderen wissen, wie das geht; alle anderen sind selbstverständlich Teil der Welt"), während man sich selbst als gewissermaßen außerhalb dieser selbstverständlichen Welt stehend erlebt.
Überempfindlich auf Hinweise für Ablehnung: Menschen mit dieser Störung haben oft eine geradezu seismografische Wahrnehmung für die kleinsten Signale, die auf Kritik oder Distanzierung hindeuten könnten. Ein nicht erwiderter Gruß, ein nicht zurückgeschriebener Text, ein neutraler Gesichtsausdruck. All das kann sofort als Bestätigung der eigenen Befürchtungen gedeutet werden. Diese Wahrnehmung ist oft richtig in dem Sinne, dass kleinste Signale tatsächlich erfasst werden, aber falsch in der Interpretation. Die Betroffenen machen sozusagen aus einer Mücke einen Elefanten.
Die paradoxe Sehnsucht: Trotz allem ist die Sehnsucht nach Nähe oft sehr stark. Ein Rückzug erfolgt aus Schutzgründen. Das Leiden besteht in folgendem Widerspruch: der Wunsch dazuzugehören und es sich gleichzeitig zu verbieten.
Die Vermeidung als zentrale Strategie: Situationen, eigene Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse werden vermieden. Wer nichts wagt, kann nichts verlieren; wer nichts erhofft, kann nicht enttäuscht werden; wer sich klein macht, kann nicht so tief stürzen.
Was dahinter liegen kann
Die Entstehung wird als Zusammenspiel verschiedener Faktoren verstanden:
Genetisch: Manche Säuglinge und Kleinkinder zeigen bereits von Anfang an eine Neigung, auf neue Reize, fremde Menschen oder unbekannte Situationen mit Rückzug, Vorsicht und Anspannung zu reagieren.
Frühe Beziehungserfahrungen: Häufig finden sich frühe Erfahrungen von Kritik, Beschämung, Zurückweisung oder emotionaler Vernachlässigung. Das müssen nicht dramatische Misshandlungen sein, auch eine Atmosphäre der ständigen Bewertung, des Beschämtwerdens für vermeintlich falsche Gefühle oder Verhaltensweisen kann prägend wirken. Dazu gehört auch die Erfahrung der bedingten Liebe (Elternteil: „ich liebe Dich, wenn Du brav bist, leise bist, leistest"). Manche Eltern sind selbst ängstlich oder sozial gehemmt und vermitteln dem Kind unbewusst, dass die Welt ein bedrohlicher Ort ist.
Erfahrungen mit Gleichaltrigen: Mobbing, Ausgrenzung oder wiederholte demütigende Erfahrungen in Schule oder Jugend können das Bild verstärken. Manchmal entwickelt sich aus einer zunächst nur schüchternen Veranlagung erst durch solche Erfahrungen das Vollbild einer Persönlichkeitsstörung.
Bindungstheoretisch wird häufig ein unsicher-vermeidender Bindungsstil beschrieben – mit der Grunderfahrung, dass das Zeigen eigener Bedürfnisse nicht zu Nähe, sondern zu Zurückweisung führt.
Kulturelle und gesellschaftliche Faktoren spielen auch eine Rolle. Gesellschaften, die Extrovertiertheit, Leistung und Selbstdarstellung besonders belohnen, können das Erleben von Unzulänglichkeit bei sensiblen Menschen verstärken.
Häufige Begleiterscheinungen
Menschen mit dieser Störung leiden häufig zusätzlich unter:
Depressionen, oft chronische oder rezidivierende Formen
Angststörungen, besonders sozialer Phobie, aber auch generalisierter Angststörung und Panikstörung
Substanzkonsumstörungen, oft mit Substanzen, die die soziale Hemmung lockern (Alkohol vor allem)
Somatoforme Beschwerden
anderen Persönlichkeitsstörungen, besonders der abhängigen Persönlichkeitsstörung
Suizidalität, die unterschätzt wird, weil sie selten dramatisch nach außen getragen wird
Therapeutische Möglichkeiten
Diese Störung ist gut behandelbar, wenn Betroffene den ersten Schritt in die Therapie überhaupt wagen, was paradoxerweise oft besonders schwerfällt, weil ja gerade das Sprechen über sich selbst zentral angstauslösend ist.
Bewährte therapeutische Ansätze sind:
Kognitive Verhaltenstherapie mit den Schwerpunkten Identifikation und Veränderung dysfunktionaler Bewertungen, Aufbau sozialer Kompetenzen und schrittweise Konfrontation mit gemiedenen Situationen
Schematherapie, die mit zentralen Schemata wie Unzulänglichkeit/Scham, soziale Isolation oder emotionale Entbehrung arbeitet
Psychodynamische und tiefenpsychologisch fundierte Therapie, die die biografischen Wurzeln des Scham- und Minderwertigkeitserlebens bearbeitet
Gruppentherapie: Diese ist oft besonders wirksam, weil hier das eingeübt werden kann, wovor die Angst besteht: in einer Gruppe gesehen und akzeptiert zu werden
Achtsamkeitsbasierte Verfahren und Selbstmitgefühlstraining zur Veränderung der oft sehr harten Selbstbewertung
Zentrale Themen in der Therapie sind oft:
die schrittweise Konfrontation mit gemiedenen Situationen, in einem Tempo, das Wachstum ermöglicht, ohne zu überfordern
die Bearbeitung der grundlegenden Selbstabwertung – die oft so selbstverständlich ist, dass sie zunächst gar nicht als veränderbar erscheint
die Entwicklung von Selbstmitgefühl an Stelle der oft scharfen inneren Kritik
die Bearbeitung von Schamerfahrungen, oft auch frühen biografischen
der Aufbau sozialer Fertigkeiten und positiver Beziehungserfahrungen
die Auseinandersetzung mit den eigenen vermiedenen Wünschen – was würde ich wollen, wenn ich es mir erlauben dürfte?
Eine wichtige Anmerkung
Wer als Außenstehender einem Menschen mit dieser Störung begegnet, oder der eigene Partner / die eigene Partnerin möglicherweise dazugehört, dem hilft es zu wissen: Der Rückzug, das Zögern, die Distanziertheit sind Schutzmechanismen. Dahinter steht oft eine sehnsüchtige Bereitschaft zur Verbundenheit. Nur braucht es sehr viel Sicherheit und Geduld, damit sie sich zeigen kann.