Die histrionische Persönlichkeitsstörung (HPS) gehört zu den sogenannten Cluster-B-Persönlichkeitsstörungen. Sie ist durch emotional dramatisches, sprunghaftes Verhalten gekennzeichnet. Der Name leitet sich vom lateinischen „histrio" ab, was Schauspieler bedeutet. Das beschreibt treffend ein Kernmerkmal: das theatralisch wirkende, oft inszenierte Auftreten der Betroffenen.

Das Wesen der Störung

Im Zentrum steht ein tiefes, meist unbewusstes Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen und Aufmerksamkeit zu erhalten. Fühlen sich Menschen mit HPS nicht beachtet, erleben sie das häufig als unangenehm, manchmal sogar als bedrohlich. Daraus entwickeln sich charakteristische Verhaltensmuster, die ich Dir gerne im Detail beschreibe.

Die emotionale Welt der Betroffenen wirkt nach außen einerseits intensiv, andererseits aber auch oberflächlich und wechselhaft. Man könnte sagen: Die Gefühle werden mit einer großen Geste gezeigt, sind aber nicht immer entsprechend tief verwurzelt. Tränen können in Sekunden in Lachen übergehen, leidenschaftliche Begeisterung in tiefe Enttäuschung. Für das Umfeld kann das verwirrend und ermüdend sein.

Typische Merkmale nach ICD-11 und DSM-5

Diagnostisch relevant sind unter anderem:

ein anhaltendes Bedürfnis, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen

ein als unangemessen empfundenes sexuell verführerisches oder provokantes Verhalten

schnell wechselnde, oberflächliche Emotionen

die Nutzung des körperlichen Erscheinungsbildes, um Aufmerksamkeit zu erlangen

eine impressionistische, wenig detaillierte Sprache

ausgeprägte theatralische Selbstdarstellung

hohe Suggestibilität (leichte Beeinflussbarkeit)

die Tendenz, Beziehungen als intimer wahrzunehmen, als sie tatsächlich sind

Für eine Diagnose müssen mehrere dieser Merkmale dauerhaft, situationsübergreifend und mit deutlichem Leidensdruck oder Funktionsbeeinträchtigung vorliegen.

Was dahinter liegen kann

Aus tiefenpsychologischer Perspektive wird oft angenommen, dass hinter dem dramatischen Auftreten ein fragiles Selbstwertgefühl steht. Die Aufmerksamkeit anderer wird gewissermaßen als Spiegel gebraucht, der bestätigt: „Ich bin da, ich bin wichtig, ich existiere." Bleibt das Spiegelbild aus, entsteht innere Leere; ein schmerzhafter Zustand, der häufig mit noch intensiverem Verhalten kompensiert wird. Es ist also wichtig zu verstehen, dass das, was von außen wie „Effekthascherei" wirken kann, innen oft ein echtes, leidvolles Erleben ist.

In der Entstehung spielen vermutlich mehrere Faktoren zusammen: genetische Veranlagungen zu emotionaler Reagibilität, frühe Bindungserfahrungen (etwa, wenn Zuwendung nur bei bestimmtem Verhalten kam), kulturelle Einflüsse sowie Lernerfahrungen in der Kindheit.

Häufige Begleiterscheinungen

Menschen mit HPS leiden oft zusätzlich unter Depressionen, Angststörungen, somatoformen Beschwerden oder Substanzmissbrauch. Auch Beziehungskonflikte gehören häufig zum Gesamtbild: Partnerschaften beginnen intensiv und idealisiert, geraten aber schnell in Krisen, wenn das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit nicht erfüllt wird oder die anfängliche Faszination nachlässt.

Therapeutische Möglichkeiten

In der Psychotherapie haben sich tiefenpsychologisch fundierte und psychodynamische Verfahren ebenso bewährt wie schematherapeutische Ansätze. Wichtige Themen in der Therapie sind:

der Aufbau eines stabileren Selbstwertgefühls, das weniger auf äußerer Bestätigung beruht

das Erkennen und Differenzieren eigener Gefühle

der Aufbau authentischer, tieferer Beziehungen

das Aushalten von Phasen, in denen man nicht im Mittelpunkt steht

die Auseinandersetzung mit der oft dahinterliegenden Angst vor Leere oder Bedeutungslosigkeit

Die Prognose ist durchaus günstig, wenn Betroffene sich auf einen längerfristigen therapeutischen Prozess einlassen. Eine besondere Herausforderung ist dabei oft, dass das therapeutische Setting selbst zur Bühne werden kann. Ein guter Therapeut wird das wahrnehmen und thematisieren.

Eine wichtige Anmerkung

Die Diagnose wird heute mit einiger Vorsicht gestellt. Sie war historisch stark mit weiblichen Patientinnen assoziiert und es gibt berechtigte Kritik daran, dass kulturell geprägte Ausdrucksformen pathologisiert wurden. In der ICD-11 wurde die Kategorie der Persönlichkeitsstörungen daher grundlegend überarbeitet. Statt einzelner Typen werden nun Schweregrade und Persönlichkeitszüge beschrieben, wobei „histrionische Züge" weiterhin als Merkmal vorkommen können.